
März 08
CD Veröffentlichung
von "Limbic System Files"
dem Bigbandtronics Projekt
mit der hr Bigband
+ nuBox + DJ illvibe

Jazzthetik / 04/08
nuBox - Menschen und Maschinen
von Rolf Thomas
»Harte Beats aus dem Laptop, präzise Scratches vom Plattenspieler vermischten sich mit messerscharfen Bläserkanonaden«, schrieb der WIESBADENER KURIER, und in der FAZ war zu lesen, die Beats von nuBox fingen »zu den wellenartigen Holzbläsermotiven auf magische Weise an zu swingen.« Doch Limbic System Files ist keine Live-Aufnahme, sondern wurde in einem Hörfunkstudio des Hessischen Rundfunks im Dezember 2006 neu aufgenommen.
Perkussiver Zuckerguss
»Die Live-Aufnahme ist in Stereo zusammengefahren und dann gemischt worden«, erklärt Peter Eisold, Schlagzeuger und Elektroniker von nuBox. »Das hätte man nachträglich gar nicht mehr abmischen können.« »Außerdem haben wir viele Drum-Computer-Spuren mit einem Live-Schlagzeuger im Studio eingespielt«, ergänzt Alois Kott, Bassist und Elektroniker von nuBox. »Da haben wir den Oli Rubow von der HR Big Band auch sehr bewundert, dass er das geschafft hat. Der spielt zwar haargenau, aber es klingt eben doch anders. Das ist die eigentliche Meisterschaft von uns, dass wir ein elektronisches Set-up so arrangieren können, dass es groovt.« Die Schlagzeugstöcke konnte Peter Eisold bei dieser Produktion deshalb weitgehend liegen lassen. »Ich habe so eine Art perkussiven Zuckerguss beigesteuert«, schmunzelt er. »Elektronik und Drums gleichzeitig zu spielen, das wäre nicht gegangen.«
DJ Illvibe alias Vincent von Schlippenbach - Sohn der Free-Jazz-Legende Alexander von Schlippenbach - ist die scratchende Zutat bei diesem Konglomerat, doch auch seine Beiträge sind arrangiert. »Der Vorteil für ihn war, dass er sich durch den Live-Auftritt und die vielen Proben viele Notizen machen konnte. Der weiß schon, was er tut«, versucht Alois Kott die Vorurteile zu zerstreuen, dass ein DJ einfach dann unmotiviert drauflos scratcht, wann es ihm gerade einfällt. »Er hat für jedes Projekt einen riesigen Sack Material. Meistens ist es für den Zuhörer aber gar nicht zu erkennen, was von ihm kommt und was elektronisch generiert ist.«
Das Ergebnis ist jedenfalls eine abenteuerliche Klangvielfalt, die so noch nie zu hören war. Die Verbindung von Maschine und Mensch - und eine Big Band ist eine Menge Menschen - klang selten so abenteuerlich wie auf dieser CD und die acht Kompositionen (vier von Eisold, vier von Kott) bringen manches zu Gehör, was einen durchaus schwindelig macht. Was da elektronisch generiert wird, was vom Plattenspieler, was von der Big Band kommt - die Klangwelten verschwimmen und vereinen sich. Nur von Reiner Winterschladen, dem nuBox-Trompeter, der ansonsten bei der Big Band des NDR vertragliche Verpflichtungen erfüllt, ist diesmal nicht ganz so viel zu hören (zwei schöne Soli immerhin). »Reiner Winterschladen war bei der Live-Produktion beim Jazzfestival Frankfurt gar nicht dabei, weil er andere Verpflichtungen hatte«, meint Peter Eisold. »Bei der Studio-Aufnahme wollten wir ihn schon dabeihaben, weil es ja auch ein nuBox-Projekt ist, aber natürlich steht er durch die vielen Mitwirkenden nicht so sehr im Mittelpunkt wie sonst.«
Wirkliche Schwierigkeiten, mit der Komplexität dieses riesigen Klangkörpers fertig zu werden, stellte sich für die nuBox-Musiker nicht. »Mit einer Big Band zu arbeiten, macht Spaß«, meint Eisold lapidar, und Alois Kott ergänzt: »Letzten Endes wussten wir ja, dass Ed Partyka [Bassposaunist, Tubist, Komponist, Arrangeur und Bandleader mit biografischen Einträgen bei u.a. Vienna Art Orchestra, Bob Brookmeyer New Art Orchestra, WDR Big Band und NDR Big Band] als Arrangeur da ist. Wir hätten das auch selbst machen können, aber ich habe sofort gesagt, wir schreiben zwar die Partitur, aber wir brauchen die jahrelange Erfahrung von jemandem wie Ed.«
Kaninchenzüchterverein
Der Anstoß zu dem Mammutprojekt kam aus Frankfurt. »Die Jazzredaktion vom HR fand Sonic Screen [erste NuBox-CD von 2004] wohl ziemlich gut und hat die Platte auch oft gespielt«, erzählt Alois Kott, »und schließlich bot man uns ein Projekt an. Das hat uns ziemlich überrascht, denn uns wäre das wohl nie eingefallen. Aber in letzter Zeit haben die eben ziemlich ungewöhnliche Projekte verwirklicht. Die bemühen sich wirklich, neben den traditionellen Big-Band-Projekten ausgeflippte Sachen zu machen. Und wir hatten auch Lust dazu.«
Schon im Vorfeld stellte sich raus, dass Eisold und Kott die Sache weitgehend zu zweit angehen würden. »Wir hätten es eben auch komisch gefunden, denen mit Reiner Winterschladen einen eigenen Trompeter vor die Nase zu setzen«, meint Alois Kott. »Zumal die mit Axel Schlosser auch einen Super-Trompeter in ihren Reihen haben. Auch die Klarinette, die Oliver Leicht in ›Coneblow‹ spielt, ist toll.«
Im Gegensatz zu Peter Eisold, der in der Vergangenheit schon öfter mit Großformationen zu tun hatte, war das Ganze für Alois Kott Neuland. »Ich habe schon versucht, in meinen Stücken auch Big-Band-Zitate unterzubringen«, erzählt er. Als Bassist ist er in der HR Big Band natürlich auch auf einen Kollegen gestoßen. Doch auch dieses »Problem« ließ sich lösen. »Mit Thomas Heidepriem habe ich mich prima verstanden«, sagt Alois Kott. »Oftmals hat er gezupft und ich habe gestrichen oder umgekehrt. Und zwar die gleichen Linien - was man bei ›Snaixperience‹ prima hören kann.«
Die Zusammenarbeit hat den beiden Elektronikern so viel Spaß gemacht, dass sie im hohen Norden gleich ein neues Big-Band-Projekt angegangen sind, diesmal mit dem NDR.
»Demnächst bauen wir auch die beiden Protagonisten des Ohnsorg-Theaters, Heidi Kabel und Henry Vahl, in ein Big-Band-Projekt ein,« grinst Peter Eisold. Was sich wie der irre Alptraum eines Dauerfernsehguckers anhört, ist bereits konkret in Arbeit. »Heute sind ja alle elektronischen Parameter steuerbar geworden, was zu Zeiten der analogen Synthesizer noch undenkbar war«, holt Kott aus. »Heute ist alles so handhabbar geworden, dass es wirklich Laune macht. Wir haben Kabel und Vahl wirklich musikalisch genutzt und nicht, um irgendeinen Inhalt wiederzugeben. An einer Stelle redet Heidi Kabel über einen vergangenen Abend beim Kaninchenzüchterverein, wo die Band so scheiße gespielt hat - das kann man natürlich einbauen. Das wird bei den Hamburger Jazztagen aufgeführt.«
Die Erfahrung mit dem sechzehnköpfigen Ensemble aus Frankfurt hat die beiden Klangtüftler aus dem Ruhrgebiet jedenfalls bereichert. »Bei der Elektronik ist es wichtig, sich zu beschränken, denn die Möglichkeiten sind unendlich«, versucht Alois Kott ein Resümee. »Und das in Verbindung mit diesen schönen Bläsersätzen, bei ›Remembrance‹ etwa, aber auch bei ›Swallover‹ - gar nicht jazzig, sondern songorientiert -, das ist schon was Schönes.«
Sonic 05 / 08
Ist es nun Jazz oder ist es DJ-Culture? Die Frage kann man stellen, aber außer den beinharten Puristen wird dies niemans wirklich tun.
Auch hier geht es zunächst um Musik. Zwar sind die analogen Bläser in der Überzahl, aber wer wissen will, was ein DJ wie Illvibe alles in seiner digitalen Wunderkiste hat, der muss nur aufmerksam hinhören. Und ein Staunen kann da garantiert werden.Diese CD bezieht ihren unglaublichen Reiz und ihre Spannung zudem aus der Tatsache, dass nuBox ihr musikalisches Konzept gleich in zwei zusätzliche Dimensionen ausweiten. In die Dimension der Bigband und die der DJ-Culture. Für beide Dimensionen sind besondere Übersetzungen notwendig. Diese Übersetzungsarbeit wird von den beiden beteiligten Komponisten Alois Kott und Peter Eisold als überaus aufregendes Spiel inszeniert. Dabei steht ihnen die gesammelte Erfahrung zur Verfügung, die sie bereits weit zurückliegend in den 1980er Jahren mit Blue Box machten.
Die kompromisslose Vereinigung von jazzig-komplexen Trompetenlinien mit treibenden Grooves brachte schon damals den Jazz zum Tanzen. Bei diesem Projekt werden elektronische Klangfolien, angefüllt mit kleineren Soundpartikeln und grösseren Soundfetzen übereinandergelegt. Mal deckungsgleich und mal verschoben. Ein Beschleunigungsprozess treibt die Stücke voran, entfesselt Elektronik und ihre Loops und inspiriertes Scratching.
Dem stellen sich tönende Kontrastflächen der Bläserarmada der hr-Bigband entgegen, genauso wie inspirierte, pochende Soli von hr-Bigband Tenorist Tony Lakatos und nuBox Trompeter Reiner Winterschladen. Die Arrangements des Bigband Leiters Ed Partyka, selber Bassposaunist und Tubist, unterziehen alle Noten einer komplexen Verschmelzung, so dass nichts so einfach nebenher, alles aber zusammenklingt.
Ist es nun Jazz oder DJ Culture ? Egal, auf jeden Fall hat diese Produktion alle Chancen der Soundtrack des nächsten Jahrhunderts zu werden.
Drums & Percussion 04 / 08
Ein wahrlich mutiges und zugleich zukunftsweisendes Projekt: NuBOX (Reiner Winterschladen (tr), Alois Kott (b/g/electr) und Peter Eisold (dr/electr)) gehen seit den Achtzigern - da hießen sie allerdings noch Blue Box und gaben dem Acidjazz Geburtshilfe - konsequent ihren Weg. Jetzt verbinden sie ihr Konzept computergestützer Musik mit der 16-köpfigen Bigband des Hessischen Rundfunks (inklusive Oli Rubow (dr)) und dem Berliner DJ Illvibe aka Vincent von Schlippenbach. Ed Partyka, Leiter der HR-Bigband, hat dazu nun entsprechende und stilistisch ganz weit offene Arrangements geschrieben. Das Resultat, die »Bigbandtronics«, kann man wohl mit Fug und Recht als furchtlosesten Bigbandjazz des 21. Jahrhunderts beschreiben, der mitten durchs Hirn dampft. Dabei ergehen sich die acht Kompositionen nicht allein in Soundgeschnipsel und Wortfetzen mit netten Bläsern, sondern können auf ganzer Linie fesseln - mit allen Mitteln, die einem derartigen Ensemble zur Verfügung stehen. Hier gehen Beats aus dem Computer, wahrlich ausgetüftelte wie bisweilen auch sperrige Bläserarrangements und massig Virtuosität eine völlig neuartige Mischung mit einer gehörigen Portion Groove ein. Reinhören, ihr Leute mit offenen Ohren!
Ricardo Poyo Castro (Radio Nacional / Buenos Aires)
Nuevo disco de nuBox, esta vez con una gran orquesta, la hr-Bigband . NuBox que cuenta con el aporte DJ Illvibe, un DJ que realmente toca – pudimos comprobarlo cuando estuvieron en Buenos Aires en un concierto ofrecido en el Goethe Institut el 05-10-07, donde lamentablemente ningún critico comento la experiencia - , nos introduce en una obra conceptual que una vez que ud puso el disco no puede dejar de escucharla en su totalidad . Limbic System Files de Peter Eisold y Alois Kott integra en forma natural sonidos puros, acústicos, con eléctricos. Un paisaje sonoro con ecos cinematográficos , recuerdos de swing , algo de klezmer, sonidos de rock, y bases tecno conviviendo en fusión con una gran orquesta dirigida y con arreglos de Ed Partyka
Si quiere escuchar algo diferente alejado de la monotonía, este es su disco
Clarino - print (A) 04 / 08
Klaus Härtel
"And now for something completely different." So leiteten die Monty Pythons zum nächsten Sketch über. Nicht ganz ohne Humor ist auch das hier - und vor allem etwas völlig anderes. nuBOX - das Trio Reiner Winterschladen, Alois Kott und Peter Eisold ebnete einst als Blue Box dem Acid Jazz den Weg - entführt die hr Bigband in völlig neue Klangsphären. Für diese Musik müsste man eine neue Schublade für elektro-akustischen Jazz zimmern. Das ist neu, das ist sicherlich bisweilen ungewohnt, doch das ist spannend, unterhaltsam und zeitgemäß. hä
Kulturnews 05 /08
Wäre Miles Davis nicht jener unausstehliche Egomane gewesen - er hätte vor Jahrzehnten vielleicht schon schaffen können, wofür Reiner Winterschladen und seine NuBox-Kollegen sich jetzt feiern lassen. Zumal: Als NuBox noch Blue Box waren und die Suche nach zukunftsfähigen Jazzsounds in den 80ern die neuerliche Annäherung an Elektro und tanzbare Grooves mit sich brachte, waren Davis und Winterschladen fast auf Augenhöhe. Der letzte und entscheidende Schritt folgt jetzt. NuBox binden ihren spezifischen Sound in Bigband-Arrangements ein. "Limbic System Files" lebt von den Kontrasten zwischen der Strenge des Industrial, lyrischen Solopassagen und der omnipräsenten Turntablearbeit von DJ Illvibe. Von einem neuen Genre zu sprechen, mag zwar verfrüht sein - Maßstäbe für die Zukunft ambitionierter Bigband-Projekte setzen NuBox aber allemal. (ron)
Concerto (A) 2/2008
Ho
Das dritte Überraschungspaket der "nuBox" enthält Kompositionen von Peter Eisold (dr, perc, electr) und Alois Kott (b), denen wie gewohnt Trompeter Reiner Winterschladen und DJ Illvibe (Thurntables) beim Auspacken zur Seite stehen. Diesmal dient ihnen das reichhaltige Instrumentarium der HR-Bigband (unter Ed Partyka) als Reibefläche ihrer schon gewohnt elektronisch bestimmten Jazzmischung. Die Erweiterung der Sounds mit neuen Elementen hat dem Jazz immer schon Impulse verliehen und junge Zuhörerschaften erreicht, zeugt auch vom Wunsch nach Veränderung und Loslösung der Musiker/Komponisten vom Repertoire der Jazzvergangenheit. DJ Illvibes eigene Rhythmuspartikel füllen die von den im 70er -Jahre Gewand strahlenden Bläsersätzen freigelassenen Lücken mit Wortmustern und Scratch-Sounds, kommentieren sie liebevoll. Die nuBox-Beats liefern das Strukturgerüst für überraschende Arrangements Partykas, der Klänge in aller Kürze aufbaut, um diese am Punkt abzureißen und ihnen die nächsten folgen zu lassen, Stop and Go halten die Ohren der Zuhörer in erwartungsvoller Spannung, dem Zwiegespräch der beiden Bandteile zu folgen. Nach der JBBG ein deutscher Gegenentwurf zwischen Elektronik und (Bigband)jazz.
Jazzthing 04 / 08
nuBox & hr-Bigband Limbic System Files (enja/Soulfood)
Der Wandel vom altbackenen Rundfunk-Tanzorchester hin zu einer ambitioniert aufspielenden Jazz-Big-Band: Die verschiedenen Projekte der hr-Bigband aus den vergangenen drei bis vier Jahre sprechen eine deutliche Sprache. Ein weiteres Indiz für diese grundlegende Veränderung ist auch das neue Album „Limbic System Files“, das dieses Jazzorchester des Hessischen Rundfunks mit NuBox um Reiner Winterschladen, Peter E. Eisold und Alois Kott sowie DJ Illvibe alias Vincent von Schlippenbach aufgenommen und als „Bigbandtronics“ beim Deutschen Jazzfestival Frankfurt 2005 uraufgeführt hat. Die Stücke sind eigens für dieses Projekt komponiert, stammen allesamt von Eisold und Kott und sind zudem von dem in Wien lebenden Ed Partyka für die hr-Bigband arrangiert worden. Und es funktioniert tatsächlich: Die elektro-akustischen Experimente zwischen Avantgarde und DJ-Kunst fügen sich aufs Beste und Harmonischste in das Blech- und Holzbläserszenario der Band, Illvibes großartig auf den Punkt gebrachte Scratches und seine sensibel eingesetzten Electronics haben nichts Geschmäcklerisches. Und die Solisten (hr-Bigband-Tenorist Tony Lakatos etwa oder eben NuBox-Trompeter Winterschladen) tragen das Ihre dazu bei, um „Limbic System Files“ frisch und vital klingen zu lassen.
Sonic 05 / 08
Bigbandtronics mit der hr-Bigband (Feature)
Es scheint, als sei 2008 das Jahr, in dem die Synthese von elektronischer und umfangreich orchestrierter Jazzmusik endlich realisierbar geworden ist. Bereits im vergangenen Jahrzehnt hat es zahlreiche (meist erfolglose) Versuche gegeben, Bigband und Electronica miteinander zu verschmelzen; die CD-Veröffentlichungen der Jazz Bigband Graz und der Bigband des Hessischen Rundfunks in diesem Jahr, haben nun den Beweis erbracht, dass sich auch diese beiden Genres kreativ und erfolgreich miteinander kombinieren lassen.
Das Release der „Limbic System Files“ der hr-Bigband & NuBox (siehe Rezension Seite 00) dokumentiert ein Projekt, das bereits im Oktober 2005 anlässlich des Frankfurter Jazzfestivals uraufgeführt wurde. Das Konzept für diese einzigartige Kombination von Bigband-Musik, Live-DJ und elektronischer Musik stammt von Olaf Stötzler, dem Manager der hr-Bigband. Schon Anfang 2005 befasste Stötzler sich mit dieser Idee und begann damit, sich nach geeigneten Musikern umzusehen, um sein Projekt in die Tat umzusetzen. Nach langer und intensiver Suche stieß er schließlich auf die Gruppe NuBox, die schon seit langem als wegweisend auf dem schmalen Grat zwischen Avantgarde, Jazz, Dance Floor und industriellen Sounds galt. Stötzler setzte sich mit den beiden Komponisten von NuBox, Alois Kott und Peter Eisold in Verbindung. Beide waren begeistert von dem Projekt und holten sogleich DJ Illvibe mit ins Boot. Im nächsten Schritt stellte sich die Frage nach einem Arrangeur, dem es gelingen würde, die Kompositionen von Kott und Eisold für den Rahmen einer Bigband zu arrangieren und orchestrieren. Die offensichtliche Schwierigkeit bestand darin, die unterschiedlichen Stilrichtungen und Traditionen von NuBox und der hr-Bigband miteinander in Einklang zu bringen. Was man brauchte war ein Arrangeur, der in der Lage war, die moderne elektronische Klangwelt von NuBox zu interpretieren und in eine für die hr-Bigband und ihre erstklassigen Jazz-Solisten realisierbare Form zu bringen. Nach neuerlicher und langwieriger Suche entschied Stötzler sich für Ed Partyka, der seiner Meinung nach am besten geeignet war, dieses musikalische Puzzle zu einem Gesamtbild zusammenzufügen.
Nachdem das Team zusammengestellt war, folgte als nächster Schritt die Arbeit an den Kompositionen, aus denen später die 8teilige Suite der „Limbic System Files“ entstehen sollte. Dabei legten Alois Kott und Peter Eisold Kompositionen vor, die Einflüsse aus einer Vielzahl verschiedener Stilrichtungen in sich trugen, angefangen von Soul und R&B bis hin zu Weltmusik und moderner klassischer Musik. Die Grundlage jeder Komposition bildete eine elektronische Grundspur, die aus bis zu fünf Layers elektronisch und akustisch erzeugter Klänge bestand, welche wiederum zu Grooves und Klanglandschaften modelliert worden waren. Diese Grundspuren bildeten Fundament und Rahmen für die Kompositionen und Improvisationen von NuBox, DJ Illvibe und der hr-Bigband. Sobald die Gundspuren fertig waren, machten sich Kott und Eisold an die Komposition. Wie bereits erwähnt, enthielten diese Kompositionen viele unterschiedliche Einflüsse und Stilrichtungen. Da Kott und Eisold nie zuvor mit einem Musikerensemble mit den Ausmaßen einer kompletten Bigband zusammengearbeitet hatten, enthielten die Leadsheets lediglich einige Vorschläge für Instrumentierung und Soli; zum größten Teil jedoch blieb dies der Interpretation der Solisten selbst und insbesondere des Arrangeurs überlassen.
Nach Fertigstellung der Kompositionen wurden die Leadsheets zusammen mit den Aufnahmen der Grundspuren an Ed Partyka weitergegeben. In diesem Arbeitsschritt wurden die Ideen und Vorstellungen von Kott und Eisold nun in Partituren für die Bigband übertragen, die jeweiligen Solisten für die einzelnen Stücke ausgewählt und über die Klangfarben entschieden. Dabei fand Ed Partyka, dass die Normalbesetzung der Saxophonsektion einer Bigband mit je zwei Altos und Tenorsaxophonen sowie einem Baritonsaxophon in diesem Rahmen möglicherweise ein wenig altbacken daher kommen würde. Da er in der Vergangenheit bereits mehrere Male mit der Bigband des Hessischen Rundfunks zusammengearbeitet hatte, wusste Partyka, dass die Saxophonsektion der Band durchweg aus exzellenten Double-Spielern bestand. Natürlich kostete Partyka dies reichlich aus. Voll zum Einsatz kamen auch die Holzbläser wie Flöte, Klarinette und besonders die Bassklarinette. Bei einigen Stücken kommt sehr schön zur Geltung, wie Rainer Heute und Heinz-Dieter Sauerborn die Bassline doppeln. Auch Oliver Leicht liefert ein großartiges Solo auf seiner „elektrischen Klarinette“ in dem Stück „Coneblow“. Neben den Holzblasinstrumenten wurden in zwei weiteren Stücken auch Bass-Saxophone dazu genutzt, dem Ensemble mehr Tiefe zu verleihen. In einem anderen Stück kommt eine Rohrblatt-Sektion, bestehend aus vier Sopransax-Spielern, zum Einsatz. Die Blechbläsersektion wiederum wurde weitgehend belassen. Da die gedämpfte Trompete eines der Markenzeichen von NuBox und Rainer Winterschladen ist, wurde von diesem Sound ausgiebig Gebrauch gemacht. Auch Flügelhörner kamen zum Einsatz, oftmals in Kombination mit den Holzbläsern, um so den härteren Klang der Blechbläser etwas abzumildern.
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Den vollständigen Artikel finden Sie in der Printausgabe 3.2008.