
weiterhin:
CD Veröffentlichung
von "Limbic System Files"
dem Bigbandtronics Projekt
mit der hr Bigband
+ nuBox + DJ illvibe
im Herbst 07 auf Enja
CD der Woche - Jazzthing 69
Olaf Maikopf
Als Mitglied der NDR Bigband ist Trompeter Reiner
Winterschladen mit vielen Stilen des Jazz vertraut. Bei den Nighthawks kultiviert er seine hippe Seite und spielt gepflegte Clubsounds, mit NuBox geht er einige Schritte weiter in Richtung eines experimentellen, mehr improvisierten NuJazz.
Wobei die akustischen Instrumente Trompete, Bass und Schlagzeug gleichwertig neben elektronischen Klangerzeugern platziert sind. Mit diesem Konzept wurden sie - als Blue Box - schon vor 20 Jahren zur Kultband und tourten weltweit.
Dann war lange Zeit Pause, bis sich NuBox schließlich vor knapp drei Jahren mit dem erfrischenden
„Sonic Screen“ zurückmeldeten.
„Next Twist“ knüpft hier an, liefert wieder clevere Musik voll ungewöhnlicher Grooves sowie dank DJ Illvibe (dem Sohn des Free-Pianisten Alexander von Schlippenbach) inspirierte Scratches und Abtastungen von alten Blues- oder Ethno- Platten. Höhepunkte sind das asiatisch angehauchte „My Amadé“ und das Balkan-nahe „Fat Frumos“ mit dem vorwärts
treibenden Gesang der Miss Platnum. Insgesamt interessante Kopfmusik, die konzentriertes Zuhören fordert und sich bestens im Kunstumfeld bewähren würde, wirkt sie doch direkt auf die Fantasie des Konsumenten. Aber für bloße kurzweilige Momente ist dieser „Next Twist“ dann doch zu anstrengend,
verlangt Aufmerksamkeit - und wurde sicher nicht für den Tanzboden konzipiert.
Sonic 07/07
Blick zurück nach vorn
von Ulrich Steinmetzger
Für die Jazzpolizei sollte das nichts sein, als dieses Trio beim Berliner Jazzfest 1985 unverhofft sein Publikum erst verunsicherte und dann vereinnahmte.
Fest stand bald keiner mehr, doch steht fest:
Schon für das Debutalbum “Sweet Machine” hatte es den Preis der Deutschen Schallplattenkritik gegeben. Fest steht: Die folgende gigantisch gefeierte Tour führte durch halb Europa. Fest steht: Die Jazzpolizei hat seit Jahrzehnten mit so vielen Abweichungen von der orthodoxen Szene zu kämpfen, dass sie toleranter werden musste, um bei den Massen an Deserteuren nicht auszudünnen bis zum Verschwinden.
BlueBox hiess vor guten 20 Jahren das Trio mit Trompeter Reiner Winterschladen, Bassist Alois Kott und Schlagzeuger Peter E. Eisold. Nach hunderten von Konzerten, noch in den entlegensten Ecken der Welt, heisst es nun nuBox, um mit dieser Vorsilbe auf einen inzwischen gängigen Part des Jazz zu weisen. Auf einen, den sie wesentlich mitgeformt haben, schon als es die Schublade noch nicht gab. Nu Jazz klingt nach Lounge und Electronics, nach Acid, Soul und HipHop, nach Dancefloor und dem angesagten Geschmack des Tages, nach Groove und Pop, nach Kommerz und Aus-Alt-Mach-Neu.
Immerhin entdeckten die DJs Hard Bop - und andere Klassiker in den Archiven und scratchten sie unters Volk. Immerhin hat das Trio überlebt, trotz aller Unkenrufe.
Und wenn es jetzt zum nächsten Twist ruft, ist das ein Signal in viele und aus vielen Richtungen. Drei Herren um die fünfzig inzwischen, die Spaß haben und eben darum auch welchen machen. Und wenn Armeen von Trendrittern in ähnliche Ziele galoppieren, waren sie lange schon da. Und besser.
Der Bassist ist Professor und schreibt Kammermusik, der Schlagzeuger war bei Helge Schneider und hat geforscht im weiten Feld experimenteller Klanginstallationen und alternativer Aufführungspraxis und der Trompeter ist sowieso einer der Besten seines Fachs. Er ist wie der Sänger der Band. Man darf ruhig an Miles Davis denken.
Reiner Winterschladen hat einen unglaublichen Ton, er kann gestopft schmeicheln, ächzen, in höchste Höhen fliegen und erdig growlen. Er spielt mit grosser Signifikanz, groovt in immer neuen Finten und hat ein Charisma, dass allein diese Platte zum Ereignis macht. Und was Winterschladen spielt,
wurzelt tief in der Jazztradition.
Kaum zu verstehen ist, wenn man ihn noch immer als Geheimtipp handelt, trotz tragender Rolle in erfolgreichen Bands wie Trance Groove oder Nighthawks, trotz Mitgliedschaft in den Bigbands des NDR oder von Klaus König.
Auch das aktuelle Opus ist wieder ein Fest der Kurzweil.
Die Rhythmen sind aus Prinzip komplex, der satte Bass treibt, die Trompete schwebt darüber und erzählt ihre Geschichten. Ein Future-Sound ist das, der ohne Umwege in die Beine geht. DJ Illvibe, Sohn des Free Jazz-Pioniers Alexander von Schlippenbach und angesagter Virtuose mit Plattenspielern und Mischpult bei Bands wie Seeed oder Lychee Lassie, dreht und wendet dies alles noch weiter in Richtung Intensität.
Das puzzelt mit Schnipseln von ganz altem Blues, heftigen Bläsersätzen, kann mal nach Balkan klingen, mal nach Gamelanorchestern. Wichtig ist nur, dass der Druck elektronischer Beats nicht nachlässt. Diese Musik ist jung, doch alles andere als naiv. Sie demonstriert, dass intelligente Vergnügen nicht immer nur für den Kopf gemacht sein müssen.
musiktipps 24.de
»Die perfekte Balance!«
Nach dem Vorgängeralbum "Sonic Screen" ist "Next Twist", wie der Titel andeutet, wieder ein
Stück weiter. Überwogen auf "Sonic Screen" noch scharfe, helle und klare Klänge, so ist "Next Twist" ein Stück dunkler und wärmer. Nicht gemütlicher - kein beschauliches Stück Lounge oder
treibendes Stück House. Trotzdem, und das ist für mich das Geniale, ist diese Musik nicht verkopft oder rein intellektuelles Sound Programming. Im Gegenteil: es rumpelt, zischt, knarrt, sirrt und scheppert. Akustische Klänge - - Schlagzeug, Percussion, Bass und Trompete - gehen in synthetische über - aber man kennt die Grenze kaum und es klingt niemals bemüht künstlich.
DJ Illvibe liefert dazu Scratches und Samples - und der Zug fährt in alle Richtungen: Blues, Free Jazz, Drum 'n' Bass bis hin zu Balkan-Klängen ... darauf muss man sich einlassen!
"next twist"
nuBox feat. DJ illvibe
(Guest vocals: Miss Platnum)
!! out now !!
Enja records
Jazzpodium 07/08/2007
Jörg Konrad
nuBox feat. DJ illvibe
“next twist” ENJA NIN 1907 2
Ob man ihre Spielauffassung als eine Art Vergangenheitsbewältigung empfindet ist im Grunde völlig gleich. Wichtig ist, dass nuBox mit DJ illvibe ihr viertes Mitglied gefunden haben. Ein wirklich glücklich zu nennender Umstand, an dem die Musikwelt noch eine zeitlang teilhaben sollte.
Denn klanglich derart gegen den Strich anspielend, war das Trio um den Trompeter Reiner Winterschladen bisher nicht zu hören.
Und trotzdem groovt und atmet das Studioresultat auf ganzer Linie.
Nichts wirkt auf “next twist” intellektuell sperrig oder vordergründig aufgesetzt. Es ist eine Mitte zwischen Tradition und Avantgarde,
zwischen akustischem Klangideal und unerhörter Provokation gefunden,
die auf dem hier gehörten Niveau nur selten erreicht wird.
Winterschladens schlanke und brüchige Soloexkursionen scheinen in ihrer
lasziven Grenzüberschreitung ein idealer Gegensatz zu seiner stärker
Struktur einfordernden Arbeit in der NDR BigBand. Bassist und Elektroniker Alois Kott bringt in seiner eher zurückhaltenden Grundierung die gesamte Erfahrung von einigen Jahrzehnten Spielpraxis mit ein.
Schlagwerker Peter Eisold sind Experimente in der alternativen Musikszene vertraut.
Und DJ illvibe arbeitet wie selbstverständlich dem Trio zu, scratcht sich als Solist eben nicht in den Vordergrund, sondern weiß mit seinen Fähigkeiten hauszuhalten und dem Gesamtprodukt zu dienen. Eine erfrischend herausfordernde Musik, die für die Zukunft
hoffentlich, noch einiges an Ressourcen bereithält.
Märkische Allgemeine - Zeitung
Weltoffen - Erstaunliche Platten beim Label Enja 19
Peter Mann
Man darf den Machern von Enja 19 nicht genug danken. Die noch junge Unterabteilung des Münchner Labels Enja, das sich mit der Jahrzehnte
gehegten Vorliebe für Jazz und Avantgarde ohnehin weltoffen zeigt, geht einen Schritt weiter.
Neue Territorien werden erschlossen. Bislang stehen fünf Veröffentlichungen im Regal, die von musikalischem Tatendrang nur so
strotzen...
Musik von morgen oder übermorgen könnte man in den Klanglandschaften von Nubox erschließen. Kantig, zerklüftet oder erhaben wie ein Hochgebirgsgipfel. Reiner Winterschladen, Peter E. Eisold und Alois Kott zählten einst mit Trompeten und Dancegrooves zu den Wegbereitern des Acid-Jazz. Doch NuBox zielt viel mehr auf Entgrenzung, auf Maximalgewinn
von Möglichkeiten als bisher. Artifizielle bis skurrile Scratches (beigesteuert von DJ Illvibe), hineingeschnipselte Gesangsfetzen, elektronische Verfremdungen kollidieren auf vertrackte, gelegentlich anstrengende Weise
mit gestopften Trompeten, per Hand erzeugten Schlagzeugrhythmen und
tiefen Bassfiguren. Rausch und Geräusch, bei denen Jazz und Elektronik beglückend unbeschränkt interagieren.