Printausgabe vom 11.10.2005
Der Jazz pflanzt einen Apfelbaum
Von Marcus Hladek
Weniger Zuschauer als an den Vorabenden erlebten beim 36. Deutschen Jazzfestival einen letzten starken Abend.
Obst- und Weinbauern kennen das. Ein Quitten-Pfropfreis kommt auf einen Apfelbaum oder umgekehrt; beide verwachsen und bringen «Hybride» hervor, ein veredeltes Obst irgendwo dazwischen. «Bigbandtronics» funktionierte auch so, nur dass es sich beim Apfelbäumchen um die HR-Big-Band, beim Pfropfreis um den DJ Illvibe mit den Elektronik-Magiern von «NuBox» handelte. Gegärtnert hatte Ed Partyka (Arrangements, Dirigat). Mal klang das dank der sägenden, schabenden, piepsenden Soundeffekte wie Roger Rabbit mit seinen Zeichentrick-Toons im Großstadtdschungel oder in den Straßen von San Francisco. Dann vielleicht wie Philip Glass, nur eben mit Beat und Pepp und Dynamik. Andererseits setzten sich die Big-Band-Bläser im Wettkampf mit der Technik immer wieder mal glänzend durch: großzügig geschwungene, metallische Linien hier, fantastische Solo-Klagen, Kreisen, Verzögern, Verfremden dort. Alles total cool, sehr reflektiert und äußerst modern. Geradeaus hören kann jeder.
Hypnotischer Electro-Jazz: nuBox mit DJ Illvibe

von Juan Carlos Ballesat; 29.9.2007
El Nacional, Caracas / Venezuela

In dem großen musikalischen Universum unseres Planeten gibt es wenig Über-raschungen wie die Deutschen von nuBox und DJ Illvibe. Am vergangenen Sams-tag fand vor einem überfüllten und verblüfften Theater eine so bemerkenswerte Darbietung statt, wie man sie in Caracas lange nicht gesehen hat. Das Goethe-Institut hat es wieder geschafft, die aktuelle deutsche Avantgarde zu uns zu holen.
Diesmal war es das ungewöhnliche Projekt eines DJs und dreier visionärer Jazz-musiker, die schon in den 1980er Jahren als Blue Box zusammenspielten. Für beinahe eineinhalb Stunden strahlten sie Risiko, Abenteuerlust, große Ideen und überschäumendes Talent aus. Selten rührt ein Konzert Stück für Stück so sehr an der emotionalen Verfassung des Publikums. Alle Stücke besaßen ein reiches Eigenleben, das den Zuhörern immer wieder aufs neue ein reiches, noch zu ent-deckendes Universum offenbarte. Ethnische Klänge, Stimmen-Samples aus Soul, Gospel und Hip Hop, Klangteppiche und rhythmische Loops, überlappt vom ur-sprünglichen Klang von Trompete, Schlagzeug, elektrischem Bass und den Geistesblitzen der Plattenteller. Einige Passagen erinnerten an den Elektro-Jazz norwegischer Gruppen wie „Supersilent“ und „Jagga Jazzist“, den Trompeter Nils Peter Molvaer oder die deutsche Gruppe „Tied &Tickled Trio“ .
Die Anwesenheit von DJ Illvibe, der nicht nur als DJ sondern auch als Perkuss-ionist beeindruckendes Geschick bewies, bedeutete jedoch einen substantiellen Unterschied. Illvibe bearbeitete alle erdenklichen Teile seines Instruments bis hin zum Tonarm des Plattenspielers, um Rhythmen zu erzeugen, die sich mit Schlag-zeug und den Loops aus Peter Eisolds Laptop vermischten. Letzterer, ein phäno-menaler Schlagzeuger, demonstrierte, dass man die Trommeln keineswegs er-barmungslos prügeln muss, um wirklich zu beeindrucken.
Alois Kott zeigte seinerseits eine große Geschmeidigkeit  zuerst mit einem elektro-nischen Kontrabass ohne Klangkörper, den er sowohl als Bass als auch als Cello benutzte, und später mit einem E-Bass. Während sich sein Körper wie eine Schlange bog, gestikulierte er immerfort. Zusammen mit Eisold ist er für das Kon-zept verantwortlich, regelt und produziert Klänge und Rhythmen, während es Reiner Winterschladen trotz dem hervorragenden Beitrag seiner Trompete  manchmal natürlich, manchmal mit Dämpfer oder Abdeckung gespielt  bevor-zugte, eine weniger Zentrale, vom Rest der Gruppe gelöste Rolle einzunehmen. Seine Präsenz speist sich in jedem Fall aus der authentischen Nabelschnur des Jazz.
Das während dieser Nacht vorgestellte Material basierte größtenteils auf „Next Twist“, einer aufschlussreichen Platte, deren Material in der liveinterpretation durch die intelligente Handhabung von Rhythmuswechseln, Wiederholung, Crescendos, die Pausen und die feinen Nuancierungen die jeder auf seinem Instrument be-herrscht noch an Bedeutung gewinnt.
Auffällig war, dass sehr wenige Musiker aus der lokalen Jazz-Szene gekommen waren, um aus erster Hand zu hören, wie weit die Möglichkeiten des aktuellen Jazz reichen und wie nahe dieser anderen Genres kommen kann. Das selbe könnte man über viele sagen die sich selbst als DJ bezeichnen. Am Ende griff dann noch die Sängerin rumänischen Ursprungs, Miss Platnum, in das Geschehen auf der Bühne ein. Diese verfügt über eine mächtige Stimme, mit Farbtupfern aus dem Soul und einem nordamerikanischen Akzent. Obwohl dieses Finale etwas mit dem davor gehörten brach, war der Auftrag bereits erledigt. Eine dieser großen Nächte, die es leider nicht im Überfluss gibt.  

ZEIT.de: (zum Jazzfest Berlin 2005)

„DJ Illvibe ist 25 und – als Vincent – Sohn des deutschen Jazzpianisten Alexander von Schlippenbach. Was der Papa auf 88 Tasten macht, erdreht er an zwei Plattenspielern und einem Mischpult: ein Virtuose des Vinyls. Ihm zuzusehen war ein Genuss, ihm zuzuhören auch. Auf der Bühne stand er mit dem seit 20 Jahren phantastisch eingespielten Trio Blue Box: Reiner Winterschladen an der Trompete, Alois Kott am Bass und Peter Eisold am Schlagzeug. Die Drei sind wohl doppelt so alt wie ihr DJ. Der Jazz als elektrisch-modernisierter Groove, hier war er zu haben. Im Saal stand kaum
einer still.“

TAZ:
Das nächste heiße Ding
Geht doch: "nuBox" fusionieren elektronische Beats mit Jazz. Und die Trompete flüstert, schreit und ächzt
Vor 20 Jahren gingen Blue Box in die Jazzlexika ein, als das erste Album des Trios herauskam und umgehend den Deutschen Schallplattenpreis erhielt. Die Newcomer wurden zum wichtigen Jazzfest Berlin eingeladen. Nur die Puristen zeigten sich entsetzt: die Stücke passten ja ins poptaugliche Dreieinhalbminutenformat!

Heute hat sich die Welt auch im Jazz ein gutes Stück weiter gedreht und Blue Box starten ihren Relaunch mit neuem Album (sonic screen, nach zehn Jahren Pause) und neuem Bandnamen. nuBox heißt die Kiste jetzt - mit Betonung auf der klein geschriebenen Vorsilbe. Dennoch, das Trio ist seinem Konzept treu geblieben: Elektronische Beats verschmelzen mit dem akustischen Sound von Trompete, Kontrabass und Drums.

Das groovt enorm und relaxt, ist aber dabei hochspannend zu verfolgen. Suchende nach dem nächsten heißen Ding nach St. Germain und Nils-Petter Molvær dürfen sich freuen, nuBox haben einen eigenen Weg ins neue Jahrhundert gefunden. Handelsüblicher Crossover-Jazz blieb dabei genauso konsequent links liegen wie loungige Ambient-Untiefen. Manchmal erinnert die Musik an die Funk- und Zouk-Grooves von Miles Davis' späten Alben, gebeamt in eine Zukunft, die gerade erst beginnt. Doch wie Reiner Winterschladen beispielsweise seine Trompete mit rauher Stimme flüstern, schreien und auch wieder ächzen lässt, ist längst sein eigenständiges Markenzeichen geworden.
Hamburger kennen den Bläser aus dem Pulk der NDR Bigband - mit nuBox zeigt er persönliche Vorlieben: Groove ist wichtig, und Ausdruck. Darin stimmen seine Trio-Kollegen durchaus mit ihm überein, ihre Musikelektronik bedienen sie so expressiv wie die herkömmlichen Instrumente auch. Diesem Trio muss man genau auf die Finger sehen.
Tobias Richtsteig

Berliner Morgenpost / Die Welt (zum Jazzfest Berlin 2005)

„Die eigentliche Entdeckung des Festivals kam dann weder aus den beiden Schwerpunktländern Türkei und Italien noch aus dem marginalisierten Jazz-Geburtsland USA. Das um den DJ Illvibe verstärkte deutsche Trio nuBox brachte Samstag nach Mitternacht im Quasimodo die Hirne zum Tanzen. Was Trompeter Reiner Winterschladen, Bassist Alois Kott und Schlagzeuger Peter Eisold da gemeinsam mit dem erschütternd begnadeten Plattenrhythmiker Illvibe (alias Alexander von Schlippenbachs Sohn Vincent) anstellten, hob die Grenzen zwischen DJ-Gegenwart und Improvisationsvergangenheit rauschhaft auf.“

nuBox / Presse

Deccan Herold ( Indien)

An evening of Jazz experiment
DH News Service Bangalore:
This was no ordinary jazz, but an evening of grand experiments with sound and mood. At the Max Mueller Bhavan in Indiranagar on Sunday evening, a compact crowd of jazz lovers sat mesmerised by nuBox, a Dancefloor Jazz Concert, that will next travel to Dhaka, after a whirlwind tour of Karachi, Colombo, Chennai, Mumbai, Hyderabad, Kolkata and New Delhi.

Reiner Winterschladen on the trumpet blended in with Alois Kott on Double Bass, Peter Eisold on Percussion (both electronic) and DJ Illvibe on the turntables. As the audience sat shaking their heads and tapping their foot in thorough attention, the band continued to explore the space beyond jazz, dance floor, avant garde and underground.

nuBox is an acoustic art between new classic and art disco. In the early ‘80s when DJ club jazz was still uncommon, the eclectic music of Blue Box came as a big surprise horrifying the jazz purists. Now Blue Box is back after a recording pause of 10 years - in a new avatar called nuBox. Using the sounds and techniques of the present-day electronic and remix scene, the three of them reflect their past into the future.

NewAge / Dhaka
An ecstatic evening!

RAFI ZAHED

As one entered through the gates of the German Club the mere sight of the stage made one's heart throb. It was quite evident that the evening would be exciting. Indeed, it was an evening of melody and jubilance. The German Jazz band nuBox had performed live in front of an audience comprising of 400 people. The event took place at the premises of the German Club in Gulshan on February 28.
The audience had a choice of two locations to sit, relax and enjoy the music. There was an array of chairs around the club's swimming pool where few people managed to secure seats to view the concert. The tennis court was also transformed into a lounge for the viewers to see the band perform.
The audience comprised of people from various organizations. Few diplomats were also present at this event. This was the first ever initiative of the German club to allow non-members of the club to come and bask into the concert.
The event commenced with short speeches given by the authorities of the German Club and the Goethe Institut in Dhaka. One official welcomed the guests and stated, 'This is the first ever collaboration between the Goethe Institut and the German Club. Music has no boundaries and it unites people together to share the common interest and love for jazz.'
nuBox was touring in the South Asian countries and had arrived in Dhaka after their successful show in Calcutta. If one is not acquainted with the band, a brief introduction will elucidate the reader. nuBox is a German Jazz group which was formally known as the Blue Box. This band is well known for the creation of contemporary jazz. The band comprises of four members including the renowned DJ Ill Vibe.
The band definitely had the crowd up on their feet. The ecstatic audience was all engulfed into the world of jazz music. The ambience was soothing and melodious. The crowd was sipping their cocktails and the band was performing their compositions. .
The concert ended around 10:30pm.The crowd went home jubilant having experienced another evening of music and happiness.
  

FAZ Feuilleton (vom 12.10.05 zum Frankfurter Jazzfestival)

„Künstlerischer Höhepunkt war zweifellos der Auftritt von "Nu Box" & DJ Illvibe mit der immer mehr über sich hinauswachsenden hr-Bigband. In der durchkomponierten Suite für Jazzorchester und Turntable-Spieler traf man tatsächlich Altvertrautes. Und wahrlich durchgeschüttelt hatte DJ Illvibe die gut dreißig Jahre alten Electronics von Herbie Hancock "Watermelon man" und "Head Hunters".
Was damals als stromlinienförmiges Ostinato den hinreichenden Grund für zuckende Finger-Eskapaden auf dem Synthesizer lieferte, hatten nuBox nun als Loops wohlfeil auseinandergeschnippelt, neu sortiert, kategorisiert und schließlich in einer atemraubenden Collage aus entsemantisierten Soundpartikeln zu einem gänzlich neuen Instrument wieder zusammengeschraubt. Durchsetzt mit Sprachfetzen und angereichert mit historischem Bandmaterial, war hier beste Avantgarde hörbar und aufgrund der skulpturalen Plastizität der teilweise auch monströsen Schnipselei sogar greifbar: ein alter Musikertraum. Und wie bereitwillig sich dazu die hr-Bigband in unzähligen harmonischen Schachtelsätzen und Palimpsesten gewissermaßen umregistrieren ließ, das bewies erneut die Weltklasse der Frankfurter.“