
von Juan Carlos Ballesat; 29.9.2007
El Nacional, Caracas / Venezuela
In dem großen musikalischen Universum unseres Planeten gibt es wenig Über-raschungen wie die Deutschen von nuBox und DJ Illvibe. Am vergangenen Sams-tag fand vor einem überfüllten und verblüfften Theater eine so bemerkenswerte Darbietung statt, wie man sie in Caracas lange nicht gesehen hat. Das Goethe-Institut hat es wieder geschafft, die aktuelle deutsche Avantgarde zu uns zu holen.
Diesmal war es das ungewöhnliche Projekt eines DJs und dreier visionärer Jazz-musiker, die schon in den 1980er Jahren als Blue Box zusammenspielten. Für beinahe eineinhalb Stunden strahlten sie Risiko, Abenteuerlust, große Ideen und überschäumendes Talent aus. Selten rührt ein Konzert Stück für Stück so sehr an der emotionalen Verfassung des Publikums. Alle Stücke besaßen ein reiches Eigenleben, das den Zuhörern immer wieder aufs neue ein reiches, noch zu ent-deckendes Universum offenbarte. Ethnische Klänge, Stimmen-Samples aus Soul, Gospel und Hip Hop, Klangteppiche und rhythmische Loops, überlappt vom ur-sprünglichen Klang von Trompete, Schlagzeug, elektrischem Bass und den Geistesblitzen der Plattenteller. Einige Passagen erinnerten an den Elektro-Jazz norwegischer Gruppen wie „Supersilent“ und „Jagga Jazzist“, den Trompeter Nils Peter Molvaer oder die deutsche Gruppe „Tied &Tickled Trio“ .
Die Anwesenheit von DJ Illvibe, der nicht nur als DJ sondern auch als Perkuss-ionist beeindruckendes Geschick bewies, bedeutete jedoch einen substantiellen Unterschied. Illvibe bearbeitete alle erdenklichen Teile seines Instruments bis hin zum Tonarm des Plattenspielers, um Rhythmen zu erzeugen, die sich mit Schlag-zeug und den Loops aus Peter Eisolds Laptop vermischten. Letzterer, ein phäno-menaler Schlagzeuger, demonstrierte, dass man die Trommeln keineswegs er-barmungslos prügeln muss, um wirklich zu beeindrucken.
Alois Kott zeigte seinerseits eine große Geschmeidigkeit zuerst mit einem elektro-nischen Kontrabass ohne Klangkörper, den er sowohl als Bass als auch als Cello benutzte, und später mit einem E-Bass. Während sich sein Körper wie eine Schlange bog, gestikulierte er immerfort. Zusammen mit Eisold ist er für das Kon-zept verantwortlich, regelt und produziert Klänge und Rhythmen, während es Reiner Winterschladen trotz dem hervorragenden Beitrag seiner Trompete manchmal natürlich, manchmal mit Dämpfer oder Abdeckung gespielt bevor-zugte, eine weniger Zentrale, vom Rest der Gruppe gelöste Rolle einzunehmen. Seine Präsenz speist sich in jedem Fall aus der authentischen Nabelschnur des Jazz.
Das während dieser Nacht vorgestellte Material basierte größtenteils auf „Next Twist“, einer aufschlussreichen Platte, deren Material in der liveinterpretation durch die intelligente Handhabung von Rhythmuswechseln, Wiederholung, Crescendos, die Pausen und die feinen Nuancierungen die jeder auf seinem Instrument be-herrscht noch an Bedeutung gewinnt.
Auffällig war, dass sehr wenige Musiker aus der lokalen Jazz-Szene gekommen waren, um aus erster Hand zu hören, wie weit die Möglichkeiten des aktuellen Jazz reichen und wie nahe dieser anderen Genres kommen kann. Das selbe könnte man über viele sagen die sich selbst als DJ bezeichnen. Am Ende griff dann noch die Sängerin rumänischen Ursprungs, Miss Platnum, in das Geschehen auf der Bühne ein. Diese verfügt über eine mächtige Stimme, mit Farbtupfern aus dem Soul und einem nordamerikanischen Akzent. Obwohl dieses Finale etwas mit dem davor gehörten brach, war der Auftrag bereits erledigt. Eine dieser großen Nächte, die es leider nicht im Überfluss gibt.
„DJ Illvibe ist 25 und – als Vincent – Sohn des deutschen Jazzpianisten Alexander von Schlippenbach. Was der Papa auf 88 Tasten macht, erdreht er an zwei Plattenspielern und einem Mischpult: ein Virtuose des Vinyls. Ihm zuzusehen war ein Genuss, ihm zuzuhören auch. Auf der Bühne stand er mit dem seit 20 Jahren phantastisch eingespielten Trio Blue Box: Reiner Winterschladen an der Trompete, Alois Kott am Bass und Peter Eisold am Schlagzeug. Die Drei sind wohl doppelt so alt wie ihr DJ. Der Jazz als elektrisch-modernisierter Groove, hier war er zu haben. Im Saal stand kaum
einer still.“
TAZ:
Das nächste heiße Ding
Geht doch: "nuBox" fusionieren elektronische Beats mit Jazz. Und die Trompete flüstert, schreit und ächzt
Vor 20 Jahren gingen Blue Box in die Jazzlexika ein, als das erste Album des Trios herauskam und umgehend den Deutschen Schallplattenpreis erhielt. Die Newcomer wurden zum wichtigen Jazzfest Berlin eingeladen. Nur die Puristen zeigten sich entsetzt: die Stücke passten ja ins poptaugliche Dreieinhalbminutenformat!
Heute hat sich die Welt auch im Jazz ein gutes Stück weiter gedreht und Blue Box starten ihren Relaunch mit neuem Album (sonic screen, nach zehn Jahren Pause) und neuem Bandnamen. nuBox heißt die Kiste jetzt - mit Betonung auf der klein geschriebenen Vorsilbe. Dennoch, das Trio ist seinem Konzept treu geblieben: Elektronische Beats verschmelzen mit dem akustischen Sound von Trompete, Kontrabass und Drums.
Das groovt enorm und relaxt, ist aber dabei hochspannend zu verfolgen. Suchende nach dem nächsten heißen Ding nach St. Germain und Nils-Petter Molvær dürfen sich freuen, nuBox haben einen eigenen Weg ins neue Jahrhundert gefunden. Handelsüblicher Crossover-Jazz blieb dabei genauso konsequent links liegen wie loungige Ambient-Untiefen. Manchmal erinnert die Musik an die Funk- und Zouk-Grooves von Miles Davis' späten Alben, gebeamt in eine Zukunft, die gerade erst beginnt. Doch wie Reiner Winterschladen beispielsweise seine Trompete mit rauher Stimme flüstern, schreien und auch wieder ächzen lässt, ist längst sein eigenständiges Markenzeichen geworden.
Hamburger kennen den Bläser aus dem Pulk der NDR Bigband - mit nuBox zeigt er persönliche Vorlieben: Groove ist wichtig, und Ausdruck. Darin stimmen seine Trio-Kollegen durchaus mit ihm überein, ihre Musikelektronik bedienen sie so expressiv wie die herkömmlichen Instrumente auch. Diesem Trio muss man genau auf die Finger sehen.
Tobias Richtsteig







„Die eigentliche Entdeckung des Festivals kam dann weder aus den beiden Schwerpunktländern Türkei und Italien noch aus dem marginalisierten Jazz-Geburtsland USA. Das um den DJ Illvibe verstärkte deutsche Trio nuBox brachte Samstag nach Mitternacht im Quasimodo die Hirne zum Tanzen. Was Trompeter Reiner Winterschladen, Bassist Alois Kott und Schlagzeuger Peter Eisold da gemeinsam mit dem erschütternd begnadeten Plattenrhythmiker Illvibe (alias Alexander von Schlippenbachs Sohn Vincent) anstellten, hob die Grenzen zwischen DJ-Gegenwart und Improvisationsvergangenheit rauschhaft auf.“
nuBox / Presse
An evening of Jazz experiment
DH News Service Bangalore:
This was no ordinary jazz, but an evening of grand experiments with sound and mood. At the Max Mueller Bhavan in Indiranagar on Sunday evening, a compact crowd of jazz lovers sat mesmerised by nuBox, a Dancefloor Jazz Concert, that will next travel to Dhaka, after a whirlwind tour of Karachi, Colombo, Chennai, Mumbai, Hyderabad, Kolkata and New Delhi.
Reiner Winterschladen on the trumpet blended in with Alois Kott on Double Bass, Peter Eisold on Percussion (both electronic) and DJ Illvibe on the turntables. As the audience sat shaking their heads and tapping their foot in thorough attention, the band continued to explore the space beyond jazz, dance floor, avant garde and underground.
nuBox is an acoustic art between new classic and art disco. In the early ‘80s when DJ club jazz was still uncommon, the eclectic music of Blue Box came as a big surprise horrifying the jazz purists. Now Blue Box is back after a recording pause of 10 years - in a new avatar called nuBox. Using the sounds and techniques of the present-day electronic and remix scene, the three of them reflect their past into the future.
FAZ Feuilleton (vom 12.10.05 zum Frankfurter Jazzfestival)
„Künstlerischer Höhepunkt war zweifellos der Auftritt von "Nu Box" & DJ Illvibe mit der immer mehr über sich hinauswachsenden hr-Bigband. In der durchkomponierten Suite für Jazzorchester und Turntable-Spieler traf man tatsächlich Altvertrautes. Und wahrlich durchgeschüttelt hatte DJ Illvibe die gut dreißig Jahre alten Electronics von Herbie Hancock "Watermelon man" und "Head Hunters".
Was damals als stromlinienförmiges Ostinato den hinreichenden Grund für zuckende Finger-Eskapaden auf dem Synthesizer lieferte, hatten nuBox nun als Loops wohlfeil auseinandergeschnippelt, neu sortiert, kategorisiert und schließlich in einer atemraubenden Collage aus entsemantisierten Soundpartikeln zu einem gänzlich neuen Instrument wieder zusammengeschraubt. Durchsetzt mit Sprachfetzen und angereichert mit historischem Bandmaterial, war hier beste Avantgarde hörbar und aufgrund der skulpturalen Plastizität der teilweise auch monströsen Schnipselei sogar greifbar: ein alter Musikertraum. Und wie bereitwillig sich dazu die hr-Bigband in unzähligen harmonischen Schachtelsätzen und Palimpsesten gewissermaßen umregistrieren ließ, das bewies erneut die Weltklasse der Frankfurter.“